Forschung

11 Oktober 2018IDM

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotik: So entsteht das Unternehmen der Zukunft

Mehr als 250 Teilnehmer aus Italien, Deutschland, Schweiz und Österreich haben sich kürzlich in Südtirol beim 12. Internationalen Forum Mechatronik (IFM) vernetzt

Unternehmen, die intelligent und effizient arbeiten und ihre Wirtschaftsleistung nachhaltig steigern wollen, setzen auf künstliche Intelligenz (KI) und vernetzte Technologien, also das „Internet der Dinge“. In der sogenannten Industrie 4.0 kommunizieren Maschinen, Schnittstellen und Bauteile miteinander – vom Fertigungsroboter über die Lagerhaltung bis hin zum Mikrochip – und tauschen ihre Daten untereinander aus. Durch diese Verknüpfung werden große Datenmengen erhoben, aus denen das System selbständig lernt und sich so ständig weiterentwickelt. So ist dieses intelligente System etwa imstande, Fertigungsabläufe zu optimieren oder die Wartung der Maschinen vorausschauend zu gestalten, aber auch künftige Absatzmengen vorherzusagen und dadurch Kapazitäten besser zu planen. 

Diese moderne industrielle Revolution und die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen für Unternehmen standen im Mittelpunkt des 12. Internationalen Forum Mechatronik (IFM). Mehr als 250 Teilnehmer aus Italien, Deutschland, der Schweiz und Österreich nahmen an der Veranstaltung im NOI Techpark in Bozen teil, um sich auszutauschen und neue Zusammenarbeiten im Bereich Industrie 4.0 zu initiieren. 

Wie kann Industrie 4.0 bestmöglich umgesetzt werden? Wie kann Vernetzung möglichst effizient und effektiv gesteuert werden? Was sind die Herausforderungen der Zukunft? Um diese Fragen zu beantworten, wechselten sich Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft am Mikrofon ab – die bei der IFM 2018 erstmals nicht nur aus den DACH-Ländern, sondern auch aus Italien kamen, da das IFM-Netzwerk zuletzt durch IDM Südtirol erweitert worden ist. Dank des Newcomers IDM wurde das Forum nicht nur internationaler, IDM hat die Veranstaltung auch erstmals organisiert, und zwar gemeinsam mit den Cluster-Partnern aus Bayern, Oberösterreich, der Schweiz sowie den Partnerregionen Euregio, Tirol und Trentino. 

Foto: Luca Guadagnini – Lineematiche

Ein Blick auf die Südtiroler Exzellenz

„Vernetzung ist das Schlagwort der Zukunft nicht nur in der Produktion, sondern auch für Unternehmen, die in Wertschöpfungsnetzwerken miteinander kooperieren, sowie für Regionen und Länder“, sagte Hubert Hofer, Leiter der Abteilung Development von IDM. „Dass die Wahl des Austragungsortes heuer auf Südtirol gefallen ist, hat uns die Chance gegeben, den Wirtschaftsstandort Südtirol und seine Unternehmen auf internationaler Bühne zu präsentieren. Unsere Betriebe hatten dabei – unter anderem durch eine Kooperationsbörse – die Möglichkeit zum intensiven Austausch und zur Kontaktaufnahme mit künftigen Geschäftspartnern.“ 

Denn wer zusammenarbeitet, gewinnt, und wer zu den Ersten gehören will, braucht strategische internationale Kontakte ebenso wie innovativen Input und Know-how. Und das, was die Südtiroler Unternehmen vor allem in den beiden letztgenannten Bereichen zu bieten haben, ist nicht wenig – das haben sie auch bei den Betriebsbesichtigungen im Rahmen des IFM unter Beweis gestellt. Besucht wurden einige der hinsichtlich Industrie 4.0 und künstliche Intelligenz fortschrittlichsten Unternehmen im Land: von Microtec in Brixen, das die Kollegen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz mit seinen automatisierten Holzqualitätsanalysesystemen beeindruckte, über Zipperle – der Meraner Fruchtsafthersteller setzt mechatronische Verfahren in der Obstverarbeitung ein – bis hin zu den Hightech-Baustellen des Brenner Basistunnels (BBT) an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Auf großes Interesse stießen auch die Visiten bei GKN DrivelineGKN Sinter Metals und Intercable im Pustertal, bei denen detailreich aufgezeigt wurde, wie Industrie 4.0 im Automobilsektor in die Praxis umgesetzt wird. Wobei die Automotive-Branche international bei der Umsetzung und Weiterentwicklung von Anwendungen in den Bereichen Mechatronik und KI im Produktionsprozess sowohl Pionier als auch Motor ist.

„Es ist kaum bekannt, doch bereits seit Langem ist die Automobilzulieferindustrie eine der führenden Branchen in Südtirol. Allein die sechs Unternehmen des Netzwerks ‚Automotive Excellence Südtirol‘ – Alupress, Autotest, Autotest Motorsport, GKN Driveline, GKN Sinter Metals und Intercable – generieren einen Gesamtumsatz von 600 Millionen Euro pro Jahr, beschäftigen 2.500 Mitarbeiter und beliefern einige der wichtigsten Marktführer unter den Automobilherstellern wie BMW, Ferrari, Tesla und Volkswagen. Auch dank der Bereitschaft dieser Unternehmen zu Innovation und ihrem Willen zur Kooperation mit Forschungszentren wird bis 2021 in Bruneck ein auf den Automotivesektor ausgerichtetes Technologiezentrum entstehen", betonte Johannes Brunner, Koordinator des IDM-Ecosystem Automotive, das den Sektor und damit zusammenhängende Branchen, in denen die Mechatronik eine zentrale Rolle spielt, in Südtirol vernetzt. Dank des IFM vernetzt sich das Ökosystem nun auch mit Mechatronik-Clustern des deutschsprachigen Raums und erhöht damit Markt- und Entwicklungsmöglichkeiten für seine Mitglieder weiter.

Foto: Luca Guadagnini – Lineematiche

Das Entstehen von Zentren wie dem NOI Techpark – sowohl jener in Bozen, wo sich bis 2021 auch die Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Freien Universität Bozen ansiedeln wird, deren Lehrtätigkeit sich insbesondere auf Automatisierung und Robotik fokussieren wird, als auch jener in Bruneck mit dem Schwerpunkt Automotive – bestätigt, wie grundlegend der Austausch zwischen Unternehmen, Innovationsexperten und Forschung & Entwicklung ist, um den Übergang zu vernetzteren und intelligenteren Prozessen voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund kamen beim IFM führende internationale Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu verschiedensten Themen rund um die vierte industrielle Revolution zu Wort: von der Mechatronik der Zukunft und flexiblen Fertigungsprozessen über die Bedeutung von Start-ups zur Förderung von Innovation bis hin zu IT Allianzen für die Automatisierung von Geschäftsprozessen. „Wer die Regeln des Internet der Dinge nicht versteht, versteht seine Zukunft nicht“, so Otto Schell, Direktor des Diplomatic Council Otto Schell Institute for Digital Transformation, in seinem Referat. „Heutzutage ist alles offen, die Daten sind im Umlauf und für jeden zugänglich, und die KMUs – jene, die sich als Hidden Champions bezeichnen – müssen verstehen, dass sie inzwischen eine ganz andere Sichtbarkeit haben als früher.“ 

„Dank der Verbindung von Systemen und Technologien können wir große Datenmengen sammeln, die analysiert werden und aus denen das System selbstständig lernt und sich dadurch kontinuierlich weiterentwickelt. So können wir unsere Produktionsprozesse optimieren und die Wartung der Maschinen zukunftsweisend organisieren", erklärte Paolo Traverso, Leiter des Center for Information Technology des Trentiner Forschungszentrums Fondazione Bruno Kessler.

Dabei ist auch der menschliche Faktor von Bedeutung. Angelika Peer, Professorin mit Schwerpunkt Regelungstechnik, Robotik und Automation an der Universität Bozen, hat das Thema Mensch-Maschine-Schnittstellen vertieft und betont, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Seiten in Zukunft immer wichtiger werden wird. Franz Linner, Senior Vice President Supplier Support Nafta bei der BMW Group, dagegen veranschaulichte den Wert der Zusammenarbeit mit Start-ups, um Innovationen auf ein immer höheres Niveau zu bringen. „BMW arbeitetmit Start-ups zusammen und dasselbe erwarten wir von unseren Lieferanten: diese sollen Innovationen der Spitzenklasse liefern, und zwar unter anderem dank Investitionen in junge Technologieunternehmen“, erklärte Linner.

Technologien, Unternehmen und Regionen vernetzen

Einen Rahmen für junge Unternehmen bot die IFM mit einer Schau, bei der zehn Start-ups die Möglichkeit hatten, sich den Forum-Teilnehmern Seite an Seite mit etablierten Unternehmen zu präsentieren. Unter den Ausstellern waren einige im NOI Techpark in Bozen angesiedelte Firmen, wie Datatellers oder die international tätige Gruppe Fos, aber auch terraXcube, die Klimakammer des Bozner Forschungszentrums Eurac Research, die Unternehmen vorgestellt wurde, die ihre Produkte unter extremen klimatischen Bedingungen testen möchten. 

Auf der Suche nach potenziellen Partnern und Möglichkeiten der Zusammenarbeit waren auch die Teilnehmer der B2B-Kooperationsbörse, organisiert vom „Enterprise Europe Network“, die das IFM mit 127 20-minütigen Meetings eröffnet hat. Die Treffen, die vorab über eine entsprechende Plattform gebucht worden waren, boten den teilnehmenden Unternehmen die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen, die genau auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet waren. „Für uns war es sehr interessant, dass das Forum in diesem Jahr hier in Südtirol stattgefunden hat. Denn wir versuchen seit einiger Zeit, dem italienischen Markt näher zu kommen, und dafür ist Südtirol zweifellos ein strategischer Standort“, so das positive Feedback von Benjamin Monsorno von Zühlke Engineering, einem Schweizer Unternehmen mit Niederlassungen rund um den Globus.

Abgerundet wurde das IFM 2018 durch einen Abendempfang, organisiert von IDM und dem Netzwerk „Automotive Excellence Südtirol“. Das Event in der historischen Haselburg mit Blick über Südtirols Landeshauptstadt Bozen bot den Teilnehmern eine weitere Gelegenheit zum Austausch und Netzwerken.

Fact Sheet

Das Internationale Forum Mechatronik (IFM) findet seit 2005 in Rotation zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz statt und bindet Mechatronik-Netzwerke mit ein, die insgesamt rund 640 Unternehmen und Institutionen aus den beteiligten Ländern umfassen. Über IDM ist auch Südtirol Teil der Plattform und Partner der Veranstaltung. Die diesjährige Auflage des IFM – es war die zwölfte – fand erstmals in Südtirol statt. IDM Südtirol hat das IFM 2018 gemeinsam mit seinen Partnern aus Bayern, Oberösterreich, der Schweiz und mit den Euregio-Partnerregionen Tirol und Trentino organisiert.